Marie

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Marie

„Genommen“ erzählt von einem erotischen Abenteuer mit einem Fremden, das Marie in ihrer Vergangenheit sehr geprägt hat.

Es waren inzwischen drei Wochen vergangen, seit Lola an dem Freitagabend nicht nur das Essen, sondern auch Marie und Marc vernascht hatte. Marie starrte gerade geistesabwesend auf die farbenprächtige Malerei, die die späte Nachmittagssonne und die zarten Schleierwolken an den Himmel über dem Ku’damm-Karree zauberten. Diese unglaubliche Vielfalt an dunklen Rottönen hatte sie in einen Tagtraum gehüllt und so merkte sie nicht, dass Lola bereits seit dreißig Sekunden hinter ihr stand und ihre blonden Haare vorsichtig zu einem Zopf flocht. Erst, als sie ein leichtes Ziehen spürte, erschrak Marie mit und drehte sich mit aufgerissenen Augen und einem lauten Schrei um.

„Boah, Lola! Wegen dir werde ich noch vor meinem dreißigsten Geburtstag ins Gras beißen!“

Marie hielt eine Hand auf ihre sich schnell hebende und senkende Brust, als würde sie versuchen, das Herz von dem Herausspringen abzuhalten.

„Ich habe keine Ahnung wie du das machst, aber selbst mein Schatten hat inzwischen Angst vor dir. Irgendwann – das schwöre ich dir – irgendwann zahle ich dir das heim!“

Lola konnte in Maries Gesicht einen ängstlichen Ausdruck erkennen. Einen Ausdruck, der aus Erfahrungen der Vergangenheit geformt wurde, die vermutlich nicht immer ganz positiv gewesen waren. Sie konnte ihre Neugierde nicht bändigen und fragte in ihrer direkten, unverblümten Art, warum Marie eigentlich immer so unglaublich zusammenschrecke, wenn sie überrascht werde.

„Das hat verschiedene Gründe. Ich fühle mich… ich… Weißt du eigentlich, wie… Ich meine stell dir vor, du würdest… Ach, vergiss es.“

Marie wandte sich mit wassergetränkten Augen ab und erneut klopfte ihr Herz mit hämmernden Schlägen von innen gegen ihren Brustkorb.

„Was ist denn los, meine Süße?“

Lolas Worte tropften wie süßer Likör auf Maries Gemüt und gaben ihr unvermittelt das Gefühl von Geborgenheit. Ihre Stimmfarbe ähnelte der ihrer Mutter, an die sie sich nur noch schemenhaft erinnern konnte, da sie so früh verstorben war. Aber die Frequenz gab ihr anscheinend das gleiche Gefühl von Sicherheit, wie sie es einst im Leib ihrer Mutter entwickelt hatte.

Lola streichelte ihr über Maries blondes Haar und wartete darauf, dass sie ihr den Grund ihrer plötzlichen Stimmungsschwankung offenbarte.

„Na los, meine Kleine, du möchtest doch den Frosch ausspucken, der gerade in deinem Hals steckt. Vielleicht ist es ja ein verzauberter Prinz und du kannst ihn danach mit einem Kuss befreien, aber spuck den hässlichen grünen Zwerg jetzt aus, verdammt!“

Da war wieder das ansteckende, laute Lachen, dem sich niemand in Lolas Gegenwart entziehen konnte. Es war wie ein Buschfeuer, welches alles Brennbare in Bruchteilen von Sekunden einnahm. Auch Marie wurde von diesem Feuer unvermittelt angesteckt und fing an zu lachen.

„Mann, Lola, was soll ich dich denn mit meinem Macken volljammern? Es gibt halt ein paar unschöne Erinnerungen aus meiner Kindheit. Mein Opa hat sich bei jeder Gelegenheit versteckt und mich dann in einem unerwarteten Moment erschreckt. Oft im Dunkeln, wenn ich eh schon kaum was sehen konnte. Und in so einem Moment springt mir jedes Mal mein Herz in den Hals und lässt mich völlig erstarren. Ich bin dann wie gelähmt. Als Kind hat es dann immer ganz lange gedauert, bis ich mich wieder bewegen konnte und meine Muskeln sich entspannt haben. Es ist dann zu einem richtigen Trauma geworden, das ich erst viel später losgeworden bin.“

„Süße, warum hast du mir das nicht schon viel früher gesagt? Ich habe dir schon so oft aufgelauert und dich erschreckt, weil ich es einfach liebe, dich zu ärgern und zu überraschen. Du kennst mich doch.“

Lola war sichtlich gerührt und sehr besorgt. Sie kniete inzwischen vor Marie und schaute zu ihr hoch.

„Ich hab doch gesagt: Eigentlich bin ich es dann irgendwann losgeworden. Na ja, fast losgeworden. Bin ich es eigentlich losgeworden? Ich weiß auch nicht so richtig. Jedenfalls erschrecke ich immer noch tierisch, wie du siehst, aber ich kann mich inzwischen wieder ganz schnell entspannen.“

Mit dieser Erklärung fing sie kopfschüttelnd zu lächeln an und fügte nur noch ein mysteriöses „Oh Mann!“ hinzu.

Es war ein Ausruf, der den subtilen Hinweis lieferte, dass Marie gerade in den Erinnerungen zurückgereist war und nicht glauben konnte, was sie dort erlebte. Beim Fischen hätte man es „Blinker“ genannt.

Lola verbiss sich sofort in diesen Köder und ließ nicht locker. „Oh Mann? Na komm schon, Kleines. Was ist dir gerade durch den Kopf geschossen?“

Sie hatte ihre Hände auf Maries Knie abgelegt und rüttelte an diesen, als könne sie so eine Antwort aus ihr herausschütteln. Marie blickte mit ihren glänzend blauen Augen auf sie herab und gedankenverloren einfach durch sie hindurch.

„Hey, Marie? Wo bist du gerade?“

Von Natur aus war Lola neugierig wie ein Äffchen und so wurde ihre Geduld immer dann auf eine Zerreißprobe gestellt, wenn etwas in der Luft lag und nicht umgehend durch Worte aufgelöst werden konnte.

„Was? Sorry, was hast du gesagt, Lola?“

Maries Augen blinzelten nervös, als hätte man sie gerade mit dem Defibrillator aus dem Jenseits zurückgeholt.

„Wenn du nicht willst, dass ich dir Daumenschrauben anlege, dann solltest du schnell anfangen, mir zu erzählen, was dich gerade ins Delirium geschossen hat!“ Lolas Finger krallten sich fordernd in Maries Oberschenkel.

„Au, ja, ist ja gut. Ich lüfte das Geheimnis aber nur unter einer Bedingung: Du schwörst mir bei deiner Seele, dass du es niemandem erzählst, verstanden?“

Marie hielt Lola bei diesen Worten mahnend den Zeigefinger vor die Nase. Lola packte ihre Hand und ließ den Finger mit den Worten „Ich schwöre!“ zwischen ihren butterweichen, roten Lippen verschwinden, um in ihrem immer präsenten, derben Humor einen Blowjob anzudeuten.

„Du bist so blöd, Lola!“

Marie stieß sie lachend zurück, war aber allein durch diese kurze Berührung von Lolas Lippen drei Wochen in der Zeit zurückkatapultiert worden. Für einen tiefen Atemzug saß sie wieder gefesselt auf Marcs Schoß und spürte ihn in sich und Lolas Lippen an der sensibelsten Stelle ihres Körpers. Als sie ausatmete, verflüchtigte sich diese Erinnerung zusammen mit dem verbrauchten Sauerstoff aus ihrer Lunge.

„Ich habe das bislang noch niemandem gezeigt, weil es mir irgendwie unangenehm ist. Aber du bist mir inzwischen so nahe wie sonst kein anderer, also: who cares?“

Sie drehte sich auf ihrem Bürostuhl um, griff in das unterste Fach ganz nach hinten und fingerte ein kleines Büchlein hervor. Mit einem weiteren tiefen Atemzug setzte Marie sich mit dem Büchlein an die Brust gepresst aufrecht hin, so als müsse sie allein durch ihre Haltung demonstrieren, wie sehr sie das Schildern des damals Erlebten anspannte.

„Warte!“, stieß Lola erregt aus und marschierte kurz durch die Büroräume, um zu kontrollieren, ob sie zu dieser späten Stunde bereits allein waren.

Mit einem Blinzeln und einer SIGG-Metallflasche bewaffnet, auf der das Berliner Ampelmännchen ähnlich stramm marschierte wie Lola selbst, kam sie im nächsten Moment auch schon zurück.

„Allein die alte Hexe vom Empfang ist noch da und die wird uns nicht stören.“

Sie öffnete den Drehverschluss, nahm einen kräftigen Schluck und reichte Marie die Flasche.

„Wasser?“, fragte Marie unsicher und war sich in diesem Moment bereits bewusst, dass Lola diese selten dämliche Frage mit einem Spruch kontern würde.

„Freitagabend allein im Büro, du lüftest ein Geheimnis und ich mache was? Begieße diesen denkwürdigen Moment standesgemäß mit einem veganen Cocktail? Baby, was denkst du von mir? Trink einfach! Es wird dir schmecken!“

Marie setzte die Flasche an und nippte zunächst vorsichtig. Ein süßer Rest von Lolas Lippen kitzelte für den Hauch einer Sekunde die Rezeptoren ihrer Zungenspitze, bevor er von einer mit Ingwer und Holunder unterlegten Mischung brennend davongespült wurde.

„Schmeckt interessant!“ Marie setzte nochmals an und nahm einen zweiten, größeren Schluck. „Bisschen wie Hugo, aber stärker und schärfer! Gefällt mir!“

„Ist ja gut, komm schon, lass dich nicht bitten und gib mir die Flasche zurück. Die brauchst du ja vermutlich nicht beim Erzählen oder Vorlesen oder was du auch immer mit dem Buch da vorhast!

Mit einer schnellen Bewegung entriss Lola Marie die Flasche, lehnte sich zurück und bat sie mit einer ziemlich eindeutigen Geste der anderen Hand darum, endlich „aus dem Arsch“ zu kommen, wie sie zu sagen pflegte.

„Man kann dir deine arrogante Art echt nicht übelnehmen, wenn du dabei dein diabolisches Lächeln aufsetzt“, grinste Marie. „Okay, ich habe es hier in diesem Buch und kann es dir vorlesen, aber wehe du unterbrichst mich! Ich war nach dem Erlebnis noch wochenlang wie unter Strom und musste diese Gefühle irgendwie konservieren. Es war so intensiv, so einmalig, so unbeschreiblich… weswegen ich es als Geschichte zu Papier gebracht habe, allein schon um das Erlebte immer wieder wachrufen zu können.“

Sie hielt das kleine Buch mit beiden Händen vor sich hoch, als würde etwas ganz Wertvolles, Fragiles darin aufbewahrt werden.

„Wenn du so komisch und mystisch redest, werde ich nervös, Süße! Was habe ich da nur in die Flasche gefüllt?“

Lachend schaute Lola auf die Flasche, als würde sie sich wirklich die Frage stellen, ob der Berliner Brandstifter, den sie zum Holundersirup gemischt hatte, gegebenenfalls eine besondere Wirkung entfalten könnte.

Marie ließ den Einwand völlig unkommentiert im Raum verfliegen, atmete tief ein und schlug das Buch auf, um ihre Reise in die Vergangenheit zu starten. Sie begann zu lesen und schien bereits mit den ersten Worten in einen tiefen See aus Erinnerungen zu tauchen…

***

Mit 19 Jahren hatte Marie begonnen, in der Haifischbar in Kreuzberg zu arbeiten. Diese lag unweit vom Chamissoplatz in einer relativ ruhigen Seitenstraße ohne viel Publikumsverkehr. Es war eine dieser Independent-Bars, die man kennen musste, um „in“ zu sein und deren spontane Partynächte legendär waren. Man kannte sich untereinander, denn die Gesichter, die dort auftauchten, waren irgendwie immer dieselben. Einen Parkplatz konnte man in der Umgebung eigentlich nie finden und seit ihrem dritten Strafzettel parkte Marie stets auf dem nahegelegenen Mehringdamm, auch wenn sie den Weg über das dunkle Gewerbegelände, wo auch die Mampe Spirituosen-Fabrik angesiedelt war, hasste. Es waren nicht mehr als 400 Meter bis zum Mehringdamm, aber der Weg dorthin war schlecht ausgeleuchtet und die Gebäude bestanden hauptsächlich aus Werkstätten, Ateliers und Büros, in denen manchmal sogar nachts noch Licht brannte. Egal zu welcher Nachtzeit Marie diesen Weg nahm, nie fiel ihr…

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